Leserbrief von Albert Biller

Anmerkungen zum Jahresrückblick unseres Ersten Bürgermeisters Christoph Böck


Bürgermeister Böck spricht in seinem Jahresrückblick weihnachtsgemäß von vielen Lichtblicken. Nüchtern betrachtet stellt sich die Situation aus Sicht eines Unterschleißheimer Normalbürgers so dar:

Der Arbeitstag beginnt mit gravierenden Verspätungen bei der S-Bahn oder langen Staus auf den Straßen am Ortsausgang. Von den vielfach versprochenen Verbesserungen war auch Ende 2018 nichts zu bemerken. Gerne haben wir im Sommer 2018 die Einschränkungen bei der S-Bahn in der Hoffnung auf einen neuen S-Bahnhof USH in Kauf genommen. Schnell wurden wir aber eines Besseren belehrt: die Bahnsteige (die letzte Woche zudem teilweise spiegelglatt waren) sind viel zu eng, die steilen Treppenzugänge zur Fußgängerunterführung sind nach wie vor nicht überdacht und stellen nicht nur bei Schnee und Eis eine gefährliche Gefahrenquelle dar. Zudem wird weder der Nord- noch der Südtunnel einen echten Fahrradweg enthalten. Künftige Konflikte zwischen Fahrradfahrern und Fußgängern sind hier also vorprogrammiert. Statt den Umbau zur Lösung von Problemen zu nutzen und Gefahrensituationen zu entschärfen, werden sie für die Zukunft festgeschrieben. Chance vertan.

Die örtliche Baupolitik soll „Raum schaffen für eine erfolgreiche Zukunft“. In Wirklichkeit werden Räume durch eine maßlose Baupolitik vernichtet, sehr gut zu sehen am Beispiel des „Business Campus“. Entgegen früherer, den Anwohnern gegenüber abgegeben Zusagen, wurde der bisherige Parkplatz mit wuchtigen, über 20 Meter hohen Gebäuden bebaut und das Baurecht von bisher 200.000 m² nutzbarer Fläche mit einem Trick deutlich ausgeweitet: Baumasse und Stellplatzflächen der drei für 3.500 Stellplätze ausgelegten Parkhäuser wurden aus der Anrechnung  herausgenommen. Statt für ortsverträgliche Übergänge zu sorgen, haben alle Bauausschussmitglieder einstimmig der angrenzenden Wohnbebauung über 20 Meter hohe achtstöckige Parkhäuser vor die Nase gesetzt und dabei das von allen Stadträten propagierte Motto „Näher am Bürger“ gründlich missverstanden. Auf massiven Bürgerprotest hin hat der Investor Begrünungsmaßnahmen zugesagt.

Um uns gegen weiteren Verlust an Lebensqualität aufgrund von Überraschungen aus dem Rathaus zu wappnen, haben daher jetzt auch Anwohner der Weihersiedlung eine Bürgerinitiative gegründet und die „Stadt mit Maß“ (demnächst als Homepage abrufbar) reaktiviert, die 2012 mit ihrem Hochhaus-Bürgerentscheid erfolgreich war. Offenbar ist dies derzeit die einzige Möglichkeit, Bürgeranliegen Geltung zu verschaffen. Schade; denn eigentlich ist dies die Aufgabe der von uns gewählten Stadträte. Zur „Bürgerfreundlichkeit“ bekennen sich diese offensichtlich aber nur in Wahlkampfzeiten und gegebenenfalls im persönlichen Gespräch.

Mit den Entscheidungen aus dem Rathaus hingegen sehr zufrieden sein können auch die Investoren des Koryfeums, eines neuen, ebenfalls riesigen Gewerbekomplexes in direkter Nachbarschaft zum Business Campus. Wie die Verkehrsströme, die diese Megaprojekte mit tausenden zusätzlichen Arbeitsplätzen nach sich ziehen, mit unserer sehr beschränkten und bereits jetzt überlasteten Verkehrsinfrastruktur bewältigt werden sollen, steht in den Sternen. Und dass sich unsere Rathausvertreter darüber hinaus überhaupt mit der Ansiedlung eines weiteren Gewerbegebiets von 380.000 m² im Grüngürtel von Unterschleißheim beschäftigen, dafür fehlen mir dann doch die Worte.

Wie zufrieden die Unterschleißheimer mit den 2018 von der Stadt und den Stadträten getroffenen Entscheidungen tatsächlich sind, wird sich spätestens bei den Kommunalwahlen 2020 zeigen.

Albert Biller